Die aufgezwungene Kultur der Sieger*innen

Rechte Agitation gegen die Aufklärung, die Demokratie und die Kultur der Moderne (1)

Der völkischen Rechten gelingt es, Demokratie mit Fremdherrschaft gleichzusetzen und als aufgezwungene Kultur durch die Sieger*innen des Ersten Weltkrieges zu verleumden. Die NS-Propaganda verknüpft die verbreitete Ablehnung der Moderne mit dem Antisemitismus. Dies erleichtert es den Nationalsozialisten, Zustimmung in der Bevölkerung zu gewinnen und prägt bis heute einen völkischen Antiamerikanismus.

Völkisches Denken contra Aufklärung

Der Konflikt hat seine Wurzeln in der Aufklärung. Diese leitet in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine historische Wende ein. Mit Immanuel Kants berühmtem Satz „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ erhält die Selbstbestimmung des Menschen einen neuen Stellenwert. Der Staat soll in seiner Allmacht begrenzt und sein Handeln an die Achtung unveräußerlicher Grund- und Menschenrechte gebunden werden. Durch die Staatsform der Demokratie soll die Macht in die Hände des Volkes gelegt werden. Parlamentarische Demokratien erkennen zudem an, dass es unterschiedliche Vorstellungen und Interessen gibt, deren Behandlung nicht durch die jeweilige Regierung oder den Monarchen entschieden, sondern politisch und gesellschaftlich von widerstreitenden Kräften ausgehandelt wird.

In diametralem Gegensatz dazu steht das nationalistische und völkische Denken, das im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr Einfluss gewinnt. Im völkischen Denken haben Selbstbestimmung und demokratische Willensbildungsprozesse keinen Platz. Besonders deutlich kommt der Kontrast zur Aufklärung und der Verzicht auf das eigene Denken in der späteren Parole „Führer befiehl, wir folgen“ zum Ausdruck. Es ist der jeweilige Herrscher oder Führer, der weiß, was gut und richtig ist und keinen Widerspruch duldet, sondern Gefolgschaft erwartet. Der Staat ist im völkischen Denken ein starker und autoritärer Staat, dessen Ziele und Anordnungen über den Rechten der Bürgerinnen und Bürger und deren individuellen Interessen stehen. Zudem proklamiert das völkische Denken eine „Volksgemeinschaft“, die Klassengegensätze überwindet und den Streit von Parteien überflüssig macht.

Die Verachtung des Volkes zeigt sich schlaglichtartig 1849, als der preußische König Friedrich Wilhelm IV die ihm von der deutschen Nationalversammlung angetragene Kaiserwürde mit der Begründung ablehnt, an ihr hafte „der Ludergeruch der Revolution“. Seine Krone beruhe nicht auf dem Willen des Volkes, sondern sei von „Gottes Gnaden“. Kurz darauf lässt Friedrich Wilhelm die bürgerliche Revolution zusammenschießen und bemerkt gegenüber seinen Gesandten in London: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“.

Diese beiden Konzepte stehen sich gegenüber, als Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem durch die Industrialisierung und die rasante Entwicklung von Wissenschaft und Technik ein tiefgreifender Umbruch beginnt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts und vor allem in der Weimarer Republik nochmals an Tempo gewinnt. Zu diesem gemeinhin „Moderne“ genannten Umbruch gehören das Ende vorgegebener Lebensabläufe und sozialer Strukturen, der Verlust an Gewissheiten und Einbindungen, der Zusammenstoß tradierter Werte und Schranken mit der Offenheit brodelnder Großstädte, die Beschleunigung des Lebens, die Internationalisierung von Handel, Wissen und Kultur und auch neue Formen der Kunst. Dieser Umbruch eröffnet vielen Menschen Freiheitsräume, Chancen auf eine selbstbestimmte und weltoffene Lebensweise und sozialen Aufstieg. Gleichzeitig löst er bei großen Teilen der Bevölkerung Verunsicherung und Ängste aus.

Antiamerikanische Propagandabroschüre des SS-Hauptamtes Berlin

Die völkische Rechte sieht in diesen Umbrüchen eine Gefahr für die Identität des deutschen Volkes. Sie agitiert mit dem Schlagwort der drohenden „Amerikanisierung“, das zum Sammelbegriff für die angeblichen Übel der Moderne wird. Diese Agitation bleibt bei den Bevölkerungsteilen, die sich von den Erscheinungen der Moderne und dem Tempo der Veränderungen bedroht fühlen, nicht ohne Wirkung.

Die Konfrontation mit der Moderne, die Altes in Frage stellt, Widersprüche und Gegensätze aufbrechen lässt, nahezu alle Lebensbereiche dynamisiert und die Wahrnehmung der Welt grundlegend verändert, ruft in allen entwickelten europäischen Ländern Verunsicherung und Ängste hervor. In Deutschland erfolgt sie nach 1918 in einer Sondersituation: der Umbruch vollzieht sich vor dem Hintergrund eines verlorenen Krieges, der Novemberrevolution, der Ausrufung der Republik. Er ereignet sich in einer zerrissenen Gesellschaft, die um Orientierung ringt und dabei in weiten Teilen zu den geordneten und überschaubaren Verhältnissen in der Monarchie zurückkehren will.

Mehr noch: große Teile der Bevölkerung sehen sich als Verlierer. Der verlorene Krieg, der Versailler Vertrag, Hunger und Arbeitslosigkeit nach dem Krieg, innere Unruhen, die Hyperinflation von 1923 – all das scheint zu zeigen, dass die Demokratie ein Irrweg ist, der Deutschland ins Elend stürzt – und dass umgekehrt, um aus dem Elend heraus und zu alter Größe zurück zu finden, ein nationaler Sonderweg erforderlich ist, dessen wichtigste Elemente die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie, die Errichtung eines autoritären Staates, die Abrechnung mit den „Novemberverbrechern“, die Wiedererlangung militärischer Stärke, eine völkische und damit eine antiwestliche und antijüdische Kultur sind.

Demokratie – die Fortsetzung der militärischen Niederlage?

Die weitgehende Gleichsetzung der Demokratie mit einer „Amerikanisierung“ bringt zugleich eine nationalistische Zuspitzung mit sich, die Demokratie mit Fremdherrschaft gleichsetzt. Die Demokratie und die Moderne werden als „artfremde“ Kultur dargestellt, die den Deutschen von der Siegermacht USA aufgezwungen wird, um sie ihrer nationalen Identität zu berauben. In dieser Sicht sind Demokratie und Moderne die Fortsetzung und Verewigung der militärischen Niederlage durch die aufgezwungene Kultur der Sieger*innen.

Der Erfolgsweg der neuen Großmacht USA ist für die deutsche Rechte eine Provokation und zugleich ein Rätsel. Wie kann es sein, dass ein Einwanderungsland mit einer „durchrassten“ Bevölkerung, mit der Begrenzung staatlicher Macht durch eine Verfassung und individuelle Freiheitsrechte sowie einem demokratischen politischen System – also ein Land, das nach Ansicht der Rechten alle Merkmale der Schwäche und des Verfalls aufweist und dem Gegenteil dessen entspricht, was sie für die Grundlagen nationaler Größe hält – zur führenden Wirtschaftsmacht wird, entscheidend in den Krieg eingreifen kann und mehr und mehr zum kulturellen Vorbild wird?

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© Deutsches Historisches Museum
NS-Propagandaplakat über die Vereinigung der Ämter von Reichskanzler und Reichspräsident

Ein Volk – ein Reich – ein Führer

Alle sagen Ja – „deutsche Kultur“ gegen den zersetzenden Einfluss des Liberalismus, Individualismus, der Demokratie und des „internationalen Judentums“

Zur „Lösung“ des Rätsels werden Verschwörungstheorien herangezogen. Darin wird nahegelegt, zu glauben, dass viele erfolgreiche Industrielle und Bankiers und einflussreiche Politiker in den USA Juden seien und dass die amerikanische Kunst und Kultur von Jüdinnen und Juden geprägt werde. Außerdem: dass es das „internationale Finanzjudentum“ sei, das im Hintergrund die Fäden ziehe, die Völker aussauge und seinen Reichtum auf deren Elend gründe. Und: dass das „Judentum“ die deutsche Kultur zersetze und so seine Fremdherrschaft sichere.

Da die „als Parasiten in die Völker eingedrungenen Juden“ im völkischen Denken international vernetzt sind, liegt es nahe, die antisemitische Verschwörungstheorie auf den „Feind im Inneren“ auszudehnen, also sowohl die Arbeiterbewegung und deren Parteien als auch bürgerliche Demokratinnen und Demokraten zu Marionetten des „internationalen Judentums“ zu erklären, das Deutschland in eine „Judenrepublik“ verwandelt hat.

Die Symbiose von Demokratie, Moderne, aufgezwungener Siegerkultur, Fremdherrschaft und Antisemitismus erleichtert es Hitler und den Nationalsozialisten, Zustimmung in der Bevölkerung zu gewinnen. Sie ist bis heute Grundlage eines völkischen Antiamerikanismus.

„Wir werden uns unser Deutschland zurückholen“

Im Zuge dieses Antiamerikanismus behauptet zum Beispiel die NPD, die Alliierten seien schuld am Zweiten Weltkrieg. Deutschland sei 1945 nicht befreit worden und stünde seither unter der „Fremdherrschaft“ der Westalliierten, insbesondere der USA. Die Demokratie sei den Deutschen aufgezwungen worden und das Grundgesetz ein „Diktat der westlichen Siegermächte“. Die Kultur solle „deutsch“ und frei von ausländischen Einflüssen sein.

Der AfD Politiker Björn Höcke hat im Januar 2017 bei einer Rede in Dresden von „Gemütszustand eines total besiegten Volkes“ gesprochen und angekündigt:

Wir werden uns unser Deutschland Stück für Stück zurückholen. (2)

Was meint er mit „unserem Deutschland“? Meint er aktuell ein Deutschland ohne Ausländer*innen? Oder meint er ganz grundsätzlich das Deutschland vor der Zeitenwende am 8. Mai 1945? Aus dem Kontext der Rede wird klar, dass Höcke Letzteres meint. Er spricht zunächst von den „Kriegsverbrechen der Alliierten“ bei der Bombardierung Dresdens und anderer deutscher Städte, um zu folgern: das Ziel der Alliierten sei gewesen,

uns unsere kollektive Identität zu rauben… Man wollte uns mit Stumpf und Stiel vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden… Und zusammen mit der dann nach 1945 begonnenen systematischen Umerziehung hat man das auch fast geschafft. (3)

Quellen, Hinweise und weitere Informationen

(1) dazu ausführlich: Ulrich Herbert: wer waren die Nationalsozialisten, Kapitel 1 und 3

(2) Höcke zitiert nach Tagesspiegel 19.1.2017, Dresdner Rede im Wortlaut, https://www.tagesspiegel.de/politik/hoecke-rede-im-wortlaut-gemuetszustand-eines-total-besiegten-volkes/19273518.html

(3) ebd.

 

Fotonachweise:

Antiamerikanische Propagandabroschüre des SS-Hauptamtes Berlin: Unknown author, Amerikanismus eine Weltgefahr, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=104386483

NS-Propagandaplakat über die Vereinigung der Ämter von Reichskanzler und Reichspräsident: © Deutsches Historisches Museum, https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/fuehrer-wir-folgen-dir-1934.html