Der Chronist der Morde

Der Pazifist, Journalist und Mathematiker Emil Julius Gumbel recherchiert mehrere hundert Morde in den Jahren 1918 bis 1922. In seinem Buch „Vier Jahre politischer Mord“ belegt er, wie die Justiz Partei für die rechten Mörder ergreift. Ohne seine Recherchen wären heute viele Morde vergessen und die Opfer hätten niemals ein Gesicht bekommen.

Emil Julius Gumbel

Eigentlich hätte der 19. März 1919 der letzte Tag im Leben des Emil Julius Gumbel werden sollen. Zehn schwer bewaffnete Militärs der Garde-Kavallerie-Schützen-Division stürmen mit dem Befehl in seine Berliner Wohnung, ihn standrechtlich zu erschießen. Doch Gumbel hat Glück. Er ist kurz zuvor nach Bern abgereist, um an einer Konferenz des Völkerbundes teilzunehmen. Die Soldaten sind zu spät gekommen. Frustriert verwüsten sie die Wohnung und ziehen wieder ab.

Es ist eines jener Hinrichtungskommandos, die nach den Revolutionswirren die Berliner Arbeiterviertel durchkämmen, um „Spartakisten“ aufzuspüren und zu erschießen.

Gumbel taucht unter und wendet sich nach dem Abflauen der ersten Terrorwelle mit der Forderung an die Behörden, den Gewalttaten nachzugehen und die Betroffenen zu schützen. Aber schnell wird ihm klar, dass er von dieser Seite nichts zu erwarten hat. Er beschließt deshalb, die Angelegenheit in die eigenen Hände zu nehmen.

Gumbel beginnt zu recherchieren und stößt auf eine Vielzahl von Morden. Akribisch trägt er Fakten und Belege zusammen – unabhängig davon, ob es sich um Morde von rechter oder linker Seite handelt. In seine Streitschrift „Vier Jahre politischer Mord“ nimmt er nur die Fälle auf, die er exakt belegen kann. Damit fällt eine Vielzahl von Racheakten nach der Niederschlagung der Novemberrevolution, der bayerischen Räterepublik oder dem Scheitern des Kapp-Lüttwitz-Putsches aus der Statistik. Doch auch so haben die Zahlen es in sich.

Vier Monate Haft für einen Mord

Gumbel hat insgesamt 376 Morde aufgelistet. Davon wurden 354 von rechten Tätern, zumeist ehemaligen Militärs, und 22 von linker Seite begangen. Von Linken verübte Morde werden stets mit dem Tod oder lebenslanger Haft bestraft. Von den 354 rechten Morden bleiben 326 völlig ungesühnt. Für die restlichen 28 Morde werden insgesamt 90 Jahre Haft und 730 Reichsmark Geldstrafe verhängt. Ein von rechten Gewalttätern verübter Mord wird also durchschnittlich mit 4 Monaten Haft und 2 Reichsmark Geldbuße bestraft.

Mehr noch: von den 775 Reichswehroffizieren, die sich am Kapp-Lüttwitz-Putsch gegen die gewählte und legitime Reichsregierung beteiligt und damit Hochverrat begangen hatten, wird kein Einziger von der Justiz verurteilt oder aus der Reichswehr entlassen.

Fast immer entgehen die Täter – soweit es überhaupt eine Ermittlung und Anklage gibt – mit einem einfachen Trick einer Verurteilung. Die Untergebenen, die die Taten ausgeführt hatten, berufen sich darauf, Befehle ausgeführt zu haben. Die Befehlshaber, zumeist Offiziere, behaupten dagegen, die Befehle so nicht gegeben zu haben und von ihren Untergebenen missverstanden worden zu sein.

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Originalstatistik in der Ausgabe „Vier Jahre politischer Mord“ von 1922, S.81. Auf den Seiten vorher (ab 73) werden die Namen der Opfer und Umstände der Taten tabellarisch dargestellt: Project Gutenberg’s Vier Jahre Politischer Mord, by Emil Julius Gumbel, https://www.gutenberg.org/files/39667/39667-h/39667-h.htm

 

Fast allen Angehörigen der Opfer – darunter viele Frauen mit Kindern – wird eine Entschädigung versagt, obwohl das „Tumultschadengesetz“ eine Entschädigung oder Hinterbliebenenrente ermöglicht hätte. Die behördlichen Entscheidungen, die die Gerichte fast immer bestätigen, werden zumeist damit begründet, dass das Interesse des Staates an der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung über den Interessen und Rechten der Bürger und Bürgerinnen stehe. An diesen Grundsatz – das Staatsinteresse hat Vorrang vor den Grund- und Bürgerrechten – können später die Nationalsozialisten mit dem „Ermächtigungsgesetz“ nahtlos anknüpfen.

Die Justiz ist also, so fasst Gumbel seine Recherchen zusammen, nicht nur auf dem rechten Auge blind. Sie stellt sich bewusst auf die Seite der rechten Mörder.

Gumbels Buch schlägt in Berlin wie eine politische Bombe ein. Reichsjustizminister Gustav Radbruch lässt die von Gumbel vorgebrachten Fakten und Vorwürfe überprüfen. Sie können nicht widerlegt werden und werden auch in keinem Fall vor einem Gericht angefochten. Dennoch tut Radbruch nichts, um dem Recht Geltung zu verschaffen. Kein Mörder wird nachträglich bestraft, kein Richter seines Amtes enthoben, kein Politiker zum Rücktritt veranlasst. Gumbel dagegen haftet fortan das Stigma des Verräters an.

Gumbel hat nicht nur zu den Morden recherchiert, sondern sich auch mit der Frage beschäftigt, wie es zu einer solchen Welle der Gewalt kommen konnte. Dabei kritisiert er scharf die Siegermächte des Ersten Weltkriegs, die mit den überzogenen Friedensbedingungen des Versailler Vertrags nicht den Weg der Vernunft und Verständigung gegangen, sondern vielmehr nationalistischen Stimmungen und Revanchegelüsten gefolgt seien. Damit sei die ohnehin zerbrechliche deutsche Demokratie mit einer schweren Hypothek belastet worden. Die Siegermächte, so Gumbel, hätten die deutschen Demokraten für den Krieg der deutschen Militaristen büßen lassen. Sie hätten damit den Rechten die Stichworte für die Hetze gegen die Demokratie und die Republik geliefert und zugleich – so Gumbel bereits 1922 – die Lunte für den nächsten Krieg gelegt.

Gumbel ist in der Zeit der Weimarer Republik eine der bekanntesten und umstrittensten Persönlichkeiten in Deutschland. Er lehrt zunächst als Privatdozent und danach als außerordentlicher Professor an der Universität Heidelberg. Dort wird er vor allem von rechten Studentenverbänden immer mehr angefeindet. Neben seinen politischen Schriften wird ihm besonders angelastet, dass er jüdischer Deutscher ist. Nur wenige Angehörige des größtenteils deutschnationalen Lehrkörpers solidarisieren sich mit ihm. Mit dem Erstarken des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes radikalisieren sich die Proteste. Gumbels Vorlesungen werden immer wieder gestört. Er wird bedroht und benötigt Personenschutz. 1932 gibt die Universität dem Druck der nationalsozialistischen Studenten nach und entlässt Gumbel wegen „Unwürdigkeit“. Nach demselben Muster werden an allen deutschen Universitäten jüdische, sozialdemokratische und republikanische Hochschullehrer angefeindet und nach der Machtübergabe an die NSDAP von den Hochschulen entfernt.

Als von den Rechten geschmähter „Verräter“, der zudem Jude ist, muss Gumbel 1933 Deutschland verlassen. Er nimmt an der Sorbonne in Paris und der Columbia University in New York Professuren in mathematischer Statistik an. Nach dem Krieg will er nach Deutschland zurückkehren. Trotz herausragender wissenschaftlicher Reputation gibt es keine deutsche Universität, die dem „Nestbeschmutzer“ einen Platz anbieten will.

Gumbel lehrt weiter an der Columbia University und verstirbt 1966 in New York.

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Ein Mahnmal zur Bücherverbrennung in Bonn. Die Bücher Gumbels wurden von den Nazis verbrannt.

 

Quellen, Hinweise und weitere Informationen

„Emil Julius Gumbel Forschungsstelle“ im Moses Mendelsohn Zentrum: https://www.mmz-potsdam.de/forschung/emil-julius-gumbel-forschungsstelle

Film-Animation nach biographischen Aufzeichnungen zu Emil Julius Gumbel: https://www.youtube.com/watch?v=c4Pl218ss8I

Eine Zusammenfassung gibt der Spiegel: https://www.spiegel.de/geschichte/statistiker-emil-gumbel-a-947548.html

 

Fotonachweise

Emil Julius Gumbel: Universitätsarchiv Heidelberg / Bildarchiv Pos I 01131
Grafik: Originalstatistik in der Ausgabe „Vier Jahre politischer Mord“ von 1922, S.81.: Project Gutenberg’s Vier Jahre Politischer Mord, by Emil Julius Gumbel, https://www.gutenberg.org/files/39667/39667-h/39667-h.htm

Ein Mahnmal zur Bücherverbrennung in Bonn. Die Bücher Gumbels wurden von den Nazis verbrannt: © Axel Kirch / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), Buchdenkmal-marktplatz-bonn-gumbel, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=47502502